Arbeitskreis "Lernen und Helfen in Übersee" e.V.

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24.05.2011

Abenteuer oder Mission – wie sinnvoll sind Freiwilligendienste?

Interview mit AKLHÜ-Geschäftsführer Hartwig Euler im Eine Welt Journal "SüdZeit"


Jedes Jahr reisen Tausende junger Menschen mit dem Freiwilligenprogramm „weltwärts“ in die Ferne. Nun steht das Programm unter heftiger Kritik.

SüdZeit, das Eine Welt Journal Baden Württemberg, sprach mit Hartwig Euler, dem Geschäftsführer des Arbeitskreises "Lernen und Helfen in Übersee" e.V., über die Bedeutung von „weltwärts“ im Besonderen sowie von Freiwilligendiensten im Allgemeinen. 

Als „Abenteuerurlaub auf Staatskosten“ werden Freiwilligendienste wie „weltwärts“ vom „Spiegel“, aber auch von anderen Kritikern beschimpft. Haben sie Recht?
Die Notwendigkeit des außerschulischen Lernens in einer mehr und mehr globalisierten Welt zweifelt heute kaum noch jemand an. Mit dem Freiwilligenprogramm „weltwärts“ kommt die Bundesregierung einer parlamentarischen Forderung nach dem entwicklungspolitischen Jugendprogramm „Solidarisches Lernen“ nach. Die politische und auch zivilgesellschaft getragene Begründung für das Programm lautete: „Ein Aufenthalt in Entwicklungsländern würde nicht nur die partnerschaftliche Seite dieser entwicklungspolitischen Arbeit begünstigen, sondern auch den Prozess der Bewusstseinsbildung und der Erkenntnis der Interdependenzen in der Welt stärken. Zugleich würden diese jungen Menschen mit den gewonnenen Erfahrungen nach Ihrer Rückkehr multiplikatorisch wirken, gerade auch im Blick auf die rechtsradikalen Tendenzen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.“
Dennoch fordert Rupert Neudeck das sofortige Ende von weltwärts, das Geld könne besser investiert werden. Mit den 70 Millionen Euro könnten in Afghanistan mehr als 1700 Dorfschulen gebaut werden.
Mich hat die Argumentation von Herrn Dr. Neudeck überrascht. Auch er war und ist meines Erachtens sowohl zu seiner Zeit bei Cap Anamur wie auch heute als Gründer der Freiwilligenorganisation Grünhelme auf Fördermittel angewiesen, seien es staatliche Mittel oder Spendenmittel. Des weiteren spielt Rupert Neudeck eine entwicklungspolitische Initiative gegen eine andere aus und verwendet das Zahlenmaterial unseriös. Für das Förderprogramm standen zu keinem Zeitpunkt 70 Mio. Euro aus Haushaltsmitteln zur Verfügung. Derzeit werden für die Vermittlung von über 3.000 Freiwilligen im Förderprogramm ca. 30 Mio. € eingesetzt. Um einen Vergleichswert anzuführen, sollten Sie wissen, dass die US Regierung für ihr Freiwilligenprogramm mit 8.655 Freiwilligen ein Budget von 400 Mio. US-Dollar bereit stellt.

Was können Freiwilligendienste im Ausland leisten?
Internationale Freiwilligendienste haben eine lange Geschichte und zurückkehrende Freiwillige haben über Jahrzehnte berichtet, dass sie sich als Botschafter für ihr Land empfunden haben und auch in dieser Rolle wahrgenommen wurden. Dadurch ist das Bild der Deutschen in vielen Ländern der Welt auf der Ebene der lokalen Partnerschaften positiv geprägt worden.

Weltwärts wird im Gegensatz zu anderen Freiwilligendiensten vom BMZ finanziert. Ist darin die heftige Kritik begründet?
Nach der Verabschiedung des Berichtes der Enquete-Kommission zur „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ hat es in der Bundesregierung vielfältige Überlegungen gegeben, das bürgerschaftliche Engagement zu stärken. Dazu gehören als besonderer Bereich auch die Freiwilligendienste. Neben dem Förderprogramm des BMZ hat auch das Auswärtige Amt einen Freiwilligendienst „kulturweit“ aufgelegt. Ebenso hat das Bundesinnenministerium über einen neuen Freiwilligendienst nachgedacht. Aus Anlass der Aussetzung der Wehr- und Wehrersatzpflicht zur Jahresmitte ist vom BMFSFJ ein neuer internationaler Freiwilligendienst zum Jahresbeginn gestartet worden. Diese Überlegungen setzen sich auf europäischer Ebene fort. Ganz aktuell plant z. B. die Europäische Union einen „European Voluntary Humanitarian Aid Corps“. In die Kritik gekommen ist meines Wissens nur das Förderprogramm „weltwärts“. Es ging dabei darum, dass das Programm aus dem Etat des BMZ finanziert wird und nicht aus dem Etat des BMFSFJ.

Welche Motivation haben junge Menschen, ins Ausland zu gehen? Haben sich die Beweggründe im Laufe der Jahre verändert?
Vor nunmehr 50 Jahren sind viele, vor allem afrikanische Staaten in die Unabhängigkeit entlassen worden. Darauf waren viele dieser Staaten nicht vorbereitet. Es fehlte ihnen an fachlicher Unterstützung in nahezu allen Handlungsfeldern. In den westlichen Ländern kam es zu vielfältigen Solidaritätsbekundungen und zu Beginn der 60er Jahre zur Gründung zahlreicher Entwicklungsdienste und Hilfswerke. Junge Menschen mit ersten beruflichen Erfahrungen und Abenteuerlust, aber auch mit viel Empathie und dem Anspruch mitzuhelfen, eine bessere Welt aufzubauen, gingen als „Peace Corps“-Freiwillige oder im deutschen Kontext als Entwicklungshelfer in die damalige „Dritte Welt“.
50 Jahre später gibt es in vielen afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Ländern gut ausgebildete junge Menschen, so dass junge Menschen aus westlichen Ländern nicht mehr zum Aufbau der demokratischen Strukturen in die Länder des Südens oder Ostens geschickt werden.
Heute geht es den  jungen Freiwilligen vornehmlich um deren eigenes „Lernen“. Auch die persönlichen und auch beruflichen Entwicklungschancen spielen eine Rolle. In einer mehr und mehr globalisierten Welt ist eine solche Erfahrung wichtig für das Zusammenleben in dieser Gesellschaft wie auch als Verständnis für ein weltweites Zusammenleben und aufeinander angewiesen sein.

Welche Vorteile bringen internationale Freiwilligendienste Ihrer Meinung nach für die deutsche Gesellschaft und für die Menschen der Partnerländer?
In erster Linie ist der persönliche Kontakt wichtig. Dadurch werden Brücken gebaut zwischen Schulklassen, Gemeinden, individuellen Initiativen usw. Selbstverständlich stellen die persönlichen Kontakte auch eine individuelle Bereicherung für alle Beteiligten dar. Die Partner wissen, dass die Freiwilligen zu persönlichen Fürsprechern ihrer Interessen und Anliegen werden. Durch die hohe Zahl derer, die die Lebenssituation in einem Entwicklungsland selbst erfahren haben, wird mehr Verständnis erwachsen, für die Probleme, Nöte und Sorgen aber auch Hoffnungen in den Entwicklungsländern.

Wie können sich interessierte Menschen in dem Dschungel an Angeboten zurechtfinden?
Erst einmal muss sich ein Interessierter im Klaren darüber sein, was er oder sie eigentlich möchte und auf welchem Niveau sich die Sprachkenntnisse befinden. Nunmehr beginnt die Suche nach einem Träger, der in der gewünschten Region und im gewünschten Handlungsfeld einen freien Projektplatz anbietet. Die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot. Um sich im Dschungel der Angebote, wie Sie es nennen, zurechtzufinden, verweise ich auf unsere Informations- und Beratungsangebote.

Gibt es auch für ältere Menschen passende Angebote?
Speziell für Menschen über 30 ist unsere Website www.internationale-freiwilligendienste.org hilfreich, die unterschiedliche Entsendeorganisationen und Programme vorstellt.

Welche Perspektive haben die internationalen Freiwilligendienste?
Internationale Freiwilligendienste sind und bleiben ein gesuchtes Instrument des lebenslangen Lernens. Ändern werden sich die Angebote für internationales Engagement. Sie werden vielfältiger, so dass den individuellen Bedürfnissen und Wünschen noch mehr Rechnung getragen werden kann. Außerdem werden die Freiwilligen im Durchschnitt älter sein. Dies liegt an der demographischen Entwicklung in diesem Land. Auch wachsen Generationen heran, die sich aufgrund ihrer Sprachkenntnisse in den europäischen Sprachen  leichter weltweit verständigen können und sich somit eher auf ein kulturelles „Abenteuer“ einlassen.

SüdZeit ist das Eine Welt Journal Baden-Württemberg und wird vom DEAB e.V. herausgegeben. Schwerpunkt der aktuelle Ausgabe im Mai (2/2011, Heft 49) sind "Freiwilligendienste". 

Weitere Informationen: www.deab.de


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