Klimawandel – eine dringliche Aufgabe – auch für Fachkräfte im Entwicklungsdienst

Ein Bericht aus der Praxis von Matthias Nagel (Coworkers – Christliche Fachkräfte International)

Dürre- und Hitzeperioden, Überschwemmungen, Stürme – die Auswirkungen und damit verbundenen Herausforderungen des Klimawandels zeigen sich immer häufiger und drastischer. Es braucht gemeinsames und entschlossenes Handeln. Über das „Wie?“ wird zum Teil heftig gestritten. Dabei ist offenkundig, dass die Folgen des Klimawandels in der Zukunft weltweit noch dramatischere Formen annehmen werden als aktuell. Zu spüren bekommen das am stärksten die Menschen im globalen Süden. Was bedeutet das für die Arbeit von Fachkräften im Entwicklungsdienst? Wie reagiert die Personelle Entwicklungszusammenarbeit auf den Klimawandel?

Auch wenn Fachkraft-Vermittlungen allein nicht die Lösung der weltweiten Klima-Problematik bringen können, auch wenn die Verantwortung zu Maßnahmen der Klima-Mitigation sicherlich in erster Linie bei den Industrienationen zu suchen ist: Die Erfahrung, die wir bei Coworkers machen, ist, dass die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Organisationen im Globalen Süden vor Ort großes Potenzial bietet. Genau das macht Entwicklungsdienst aus.

Bei unseren Begegnungen mit lokalen Partnern treffen wir viele Menschen, denen das Thema des Klimawandels längst ein großes Anliegen ist. Das ist nicht verwunderlich, wenn zunehmende Dürreperioden und sich verändernde Regenzyklen beispielsweise die Grundlagen der lokalen Landwirtschaft infrage stellen oder sich klimabedingte Naturkatastrophen häufen. Themen der Klima-Adaption sind Überlebensfragen. Es geht beispielsweise um die Einführung neuer Anbaumethoden. Der Blick von außen, den  Coworkers Fachkräfte mitbringen, entfaltet im Zusammenspiel mit der Lokalkenntnis der Partner ein hohes Wirkungspotenzial für die Adaption. Konkret geht es zum Beispiel in verschiedenen Projekten in Ostafrika um die Einführung von Prinzipien der Conservation Agriculture. Das bedeutet für lokale Landwirte die Veränderung jahrhundertealter Abläufe. Selbst wenn der Leidensdruck durch Dürre und Ernteausfällen groß ist – traditionelle Anbauformen zu durchbrechen, ist  für viele Kleinbauern und –bäuerinnen nahezu undenkbar. Der Schlüsselfaktor ist hier, Vertrauen aufzubauen. Das braucht immer Zeit: Starke Beziehungen reifen da heran, wo man auch gemeinsam durch Krisen und schwere Zeiten geht. Geld allein kann ein solches Vertrauen nicht erzeugen. Vielmehr sind die persönlichen Begegnungen, das Committent über mehrere Jahre, die geteilten christlichen Werte und das aus gemeinsamen Erfolgen entstandene Erfahrungswissen im Rahmen längerfristiger Personalentsendung bei Coworkers entscheidend. Aber auch die Chancen der Vernetzung, die sich über Fachkräfte für lokale Partnerorganisationen ergeben, sind enorm. Beispielsweise können Kooperationen mit landwirtschaftlichen Ausbildungszentren und Universitäten wie auch internationalen Partnern aufgebaut und etabliert werden.

Vielleicht etwas überraschender ist, dass wir auch viele Partnerorganisationen treffen, die ein großes Eigeninteresse an Klima-Mitigation zeigen. In einigen Fällen sind beispielsweise lokale Universitäten auf Coworkers zugekommen. In Indonesien entwickelt eine entsandte Fachkraft an der Schnittstelle zwischen Forschung und Praxis, mittlerweile mit mehreren indonesischen Counterparts, lokal angepasste Modelle in den Bereichen Solarstromerzeugung, Biogas, Solares Trocknen und Energieeffizienz. Es geht darum, dass diese Lösungen kulturell und an die technischen Voraussetzungen in der Region angepasst sind. Wir erleben, wie Alumni nach dem Studium auf ihre Heimatinseln zurückgehen und dort Solartechnik als Alternative zu den allgegenwärtigen Dieselgeneratoren einführen. Die Erfahrungen aus der Praxis fließen daraufhin in die universitäre Arbeit zurück. Das große Potenzial entfalten diese Projekte durch die Netzwerke: Da arbeitet die indonesische Uni mit der deutschen Fachkraft, einer lokalen Biogas-Firma und weiteren indonesischen Playern zusammen, aber auch mit Teams von „Ingenieure ohne Grenzen“ und deutschen Universitäten. Die Forschungsergebnisse werden in der nationalen indonesischen Fachdiskussion wahrgenommen.

Dort, wo solche Zusammenarbeit gut koordiniert stattfindet, entsteht ein großes Potenzial für den Umgang mit dem Klimawandel. Darüber hinaus stärkt das gemeinsame Handeln das Bewusstsein vor Ort, macht lokale und globale Netzwerke effektiver und bringt ganz praktisch anwendbare Lösungen für die betroffenen Zielgruppen hervor. Fachkräfte im Entwicklungsdienst sind dabei oft eine Art Katalysator. Wir denken, dass da noch viel mehr Potenzial besteht, als wir es mit Einzelentsendungen momentan mobilisieren können. Das ist auch der Hintergrund, warum wir uns aktuell im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft der Entwicklungsdienste (AGdD) dafür einsetzen, dass es – analog zum Zivilen Friedensdienst –einen Internationalen Klimadienst geben sollte. Eine im Rahmen von gemeinsamen Länder- und Regionalstrategien koordinierte Projektarbeit, eine verstärkte Nutzung von Netzwerk-Potenzialen auch zwischen den Entwicklungsdiensten und deren jeweiligen Partnerorganisationen, ein gemeinsamer Zugriff auf lokales und regionales Erfahrungswissen im Rahmen einer Wissensdatenbank – das sind Faktoren, die schon den Zivilen Friedensdienst zum Erfolgsmodell gemacht haben. Dieses Potenzial wird auch die Wirkkraft von Fachkraft-Entsendungen im Kontext des Klimawandels noch einmal deutlich erhöhen – auch wenn wir heute schon begeistert davon sind, welche Wirkungen Einzelvermittlungen von Fachkräften in Zusammenarbeit mit ihren Partnerorganisationen erzielen.

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